
Dies ist die Geschichte zweier Egoisten (Frédérique, 24 Jahre, und Marco, 14 Jahre), die sich durch ein Leben kämpfen, das ihnen immer wieder hart zusetzt. Eine Prüfung wird sie beide zwingen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Diese Prüfung löst zwar nicht alle Probleme, erlaubt ihnen aber, voranzuschreiten und sich selbst, den anderen und dem Leben näher zu kommen.
Fred ist Krankenschwester in einem kleinen Bergdorf an der französischschweizerischen Grenze. Sie glaubt, sich das Bild einer unabhängigen und stets verfügbaren Frau geben zu müssen, bleibt aber die Gefangene ihres eigenen Bildes, das sie nie mit ihrem Liebesbedürfnis vereinen konnte. Sie verdrängt dies so stark, dass sie sich für nicht liebesfähig hält.
Sie meint, wegen dieser Unfähigkeit zu lieben habe sie kein Recht zu leben. Wäre sie weniger feig, so wäre sie bereits tot. Ihr ganzes Leben dreht sich um diese Geringschätzung ihrer selbst. Als Reaktion darauf gibt sie sich hart und unzähmbar. Im Spital ist Fred eine vorbildliche Krankenschwester, im Privatleben strauchelt sie von einem zukunftslosen Abenteuer zum anderen, oder sie reagiert sich am Schiessstand ihrer Gemeinde ab.
Sie denkt an Suizid. Der Gedanke daran sitzt tief in ihr drin.
Schliesslich entschliesst sich Fred, an einem abgelegenen Ort in den Bergen zur Tat zu schreiten. Aber gerade als sie ihren ganzen Mut gesammelt hat, spielt ihr das Schicksal einen üblen Streich: Das Geschrei eines Jungen, der in ihre Richtung rennt und einen Klassenkameraden verfolgt, holt sie ins Leben zurück. Reflexartig schiesst Fred auf ihn.
In der Schreckenssekunde, die folgt, wehrt sich ihr ganzes Wesen gegen das Unvorstellbare: statt sich selber zu töten, hat sie «getötet».
Niemand hat sie gesehen. Sie flieht. Sie lebt gegen ihren Willen und wird von Schuldgefühlen verzehrt. Dafür will sie sühnen.
Der Knabe wird ins Spital gebracht, in dem sie arbeitet … und wo sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Pflege dieses Wilden übernehmen muss, der das ganze Personal terrorisiert.
Marco spürt instinktiv, dass sie ihm eine ebenbürtige Gegnerin ist. Auch Fred merkt sehr bald, dass Marco ihr gleicht; dieselbe Aggressivität, derselbe leidenschaftliche Stolz. (Doch er ist 14-jährig und hat noch viel Zeit, um zulernen.) Sie hatte sich bisher nur den Schwachen, Sterbenden, den «Harmlosen» geöffnet und sieht sich nun einer Bestie gegenüber, der sie erklären muss, was geschehen ist.
Marco Ironie des Schicksals rettet Fred zweimal, ohne es zu wissen. Das erste Mal, als die Kugel, die sie sich geben wollte, ihn trifft. Dann aber auch, weil seine Jugendlichkeit die ganze Verbitterung und Gewalt ungestüm ausbrechen lässt, und er Fred dadurch einen Spiegel hinhält, in dem sie sich ganz neu entdeckt. Sie erkennt sich in Marco, mit dem einzigen Unterschied, dass Fred gelernt hat, sich «zusammenzureissen» und ihre Gewalt nur gegen sich selbst anzuwenden.
Marco, gewalttätig und unschuldig zugleich, spürt die Schwächen und Widersprüche dieser Krankenschwester, die sich so seltsam verhält, und treibt sie in die Enge, ohne die Grenzen genau zu kennen. Er schont Fred auch deshalb nicht, weil sie selbst immer wieder verwirrende Anhaltspunkte liefert, die das Kind nach und nach auf die Spur des Unvorstellbaren führen: Sie ist es, die auf ihn geschossen hat.
Und erst dann, als er ihr zögernd vergibt ein fragiles Verzeihen , fühlt sich Fred stark genug, sich der Gerechtigkeit der Menschen zu stellen.
Diese Geschichte hat keinen exemplarischen Charakter. Ich glaube aber, dass unsere westlichen Gesellschaften mit ihrer Mischung aus eiskalter Konkurrenz und der Beteuerung, das Glück liege einem zu Füssen mehr einsame Menschen produziert, die sozial an den Rand gedrängt und krank werden infolge des zwanghaften Individualismus, der sie zwar schützt, aber gleichzeitig verhindert, dass sie die Welt so sehen, wie sie ist.
Dennoch ist der Film weder düster noch verzweifelt. Er ist von der immensen Energie geprägt, die Fred freisetzt, um sich zu zerstören; eine schwarze Energie, gewiss, aber sie setzt viel in Bewegung. Dann, nach dem Zusammenbruch von Freds ganz persönlichem Wertesystem, schlägt der Film eine neue Richtung ein: Fred erreicht eine Reife, die sie um ein Haar nicht gekannt hätte. Es handelt sich also in erster Linie um die Geschichte einer Erneuerung.
Ich wollte zeigen, wie sich eine junge Frau, die glaubt «das Leben gesehen» zu haben, aus der Falle befreien kann, die sie sich selbst gestellt hat. Und im weiteren Sinn wollte ich anhand dieses speziellen Porträts schildern, wie es Fred gelingt, dem Trugbild im letzten Moment noch auszuweichen, das manche dazu verleitet, sich als einmalig und einzigartig zu fühlen und sich freiwillig abzusondern, um dann definitiv in der Einsamkeit zu landen.
Freds und auch Marcos Heldenhaftigkeit besteht im Mut, sich zu ändern. Der Schuss auf Marco ist denn auch die erste Tat in ihrem Leben, deren Folgen sie nicht ausweichen will, obwohl sie nicht unter Verdacht steht und ungestraft davonkommen könnte. Ihr Lebensweg führt sie von der ausschliesslich egoistischen Sorge um sich und die anderen zum Verständnis, dass sie Teil eines Ganzen ist. Jeanne Waltz
Geboren in Basel 1962, studiert Jeanne Waltz in Neuchâtel. Später studiert sie Japanisch an der Freie Universität in Berlin, wo sie während mehreren Jahren ein Kino betreibt.
Seit über 10 Jahren lebt Jeanne Waltz hauptsächlich in Portugal, wo sie die Mehrheit ihrer Filme realisiert und an zahlreichen Projekten als Drehbuchautorin, Ko-Drehbuchautorin und als Leiterin der Ausstattung mitgewirkt hat.
2007 PAS DOUCE
2007 AGORA TU
2003 DAQUI P’RA ALEGRIA
2000 AS TERÇAS DA BAILARINA GORDA
1999 LA REINE DU COQ-À-L’ANE
1998 O QUE TE QUERO
1997 MORTE MACACA
1994 LA COUVEUSE
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